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Julia forscht nach: Biodiversitaet
Biodiversität

Julia forscht nach: Warum brauchen wir Biodiversität?

Meine Söhne lieben Dinosaurier und finden es, wie viele andere Kinder sicher auch, sehr schade, dass sie schon ausgestorben sind. Was Experten über das Artensterben sagen, das derzeit im Gange ist, finde ich ziemlich beunruhigend: „Wir erleben das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier und es ist menschgemacht“, so der WWF. Wie soll ich das meinen Kindern erklären?
Klar ist: es ist eine Entwicklung von ungeheuerlichem Ausmaß. Aber wodurch wird sie eigentlich zur Katastrophe? Oder anders: Warum brauchen wir die Vielfalt in der Natur eigentlich so dringend?
Es gibt viele Gründe. Hier sind zehn, die mich besonders überrascht haben.

1. Luft zum Atmen
Biologische Vielfalt ist so etwas wie ein Dienstleister. Ein kostenloser sogar. Dabei sind die Leistungen unbezahlbar. Sauberes Wasser, Rohstoffe, Luft zum Atmen – alles haben wir der Biodiversität zu verdanken. Wieviel das wert ist? US-Forscher haben im Jahr 1997 ausgerechnet: mindestens 33 Billionen Dollar (damals etwa 1,8-mal höher als das globale Bruttosozialprodukt). Unbezahlbar.

2. Äpfel, Kaffee und Schokolade
Die genaue Anzahl der existierenden Arten kennt niemand so recht. Experten schätzen: rund 15 Millionen. Es können aber auch 100 Millionen sein. Relativ sicher ist dagegen: Rund zwei Drittel davon sind Insekten. Sie sind die artenreichste Tiergruppe. Etliche von ihnen werden zur Bestäubung benötigt. Denn von A wie Apfel über K wie Kakao bis Z wie Zitrusfrucht – viele unserer Nutzpflanzen brauchen Insekten als Bestäuber. So hängen über 30 Prozent des weltweiten Ertrags in der Landwirtschaft von tierischer Bestäubung ab. Kann sich jemand eine Welt ohne Erdbeeren, Paprika, Schokolade oder Kaffee vorstellen? Vielleicht. Aber niemand will das.

3. Keine Art stirbt alleine
Jede Art ist spezialisiert. Erst das Zusammenspiel der Arten führt zu einem stabilen Naturraum. Nehmen wir Ameisen. Sie sind für die Aufbereitung des Bodens enorm wichtig, mancherorts effektiver als Regenwürmer. Mehrere Arten sind schon bedroht. „Würde man die Ameisen aus einem Ökosystem entfernen, würde es mehr oder weniger zusammenbrechen“ so Prof. Jürgen Heinze, Biologe an der Universität Regensburg Das heißt also: Stirbt eine Art aus, zieht das zwangsläufig den Tod etlicher anderer Arten nach sich. Und wenn man das weiß, dann sind die 71.900 Tier- und Pflanzenarten, die wir in Deutschland haben, plötzlich gar nicht mehr so viele. Und jede einzelne ist schützenswert.
4. Vielfalt hält gesund
Professorin Alexandra-Maria Klein von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hat errechnet: Gäbe es keine Bestäuber, käme es jedes Jahr bei mehreren hundert Millionen Menschen zu einem Mangel an Vitamin A und Folsäure. Und fiele die Hälfte der Bestäuber weg, gäbe es dadurch 700.000 zusätzliche Tote – jedes Jahr. Der Grund: Diejenigen Nutzpflanzen mit dem höchsten Anteil an Mikronährstoffen, wie Fetten und den Vitaminen A, C und E sind am meisten auf Bestäubung durch Tiere angewiesen.

5. So wird Boden fruchtbar

Der Boden lebt. Er ist Lebensraum für Milliarden Bakterien, Pilze, Algen und Einzeller sowie für Millionen Fadenwürmer, Regenwürmer, Milben, Asseln, Springschwänze und Insektenlarven. In einem Hektar durchwurzeltem Bodenraum bringen sie es zusammen auf 15 Tonnen Lebendgewicht. Das entspricht 20 Kühen. Das heißt: Im Boden leben weit mehr Organismen als auf dem Boden. Das Schweizer Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft hat herausgefunden: Je höher die Diversität unter der Erde, umso besser für die Pflanzen darüber, denn deren Nährstoffgehalt nimmt zu. Außerdem befestigen große Wurzel- und Mykorrhiza-Netze das Erdreich und schützen es vor Erosion.

6. Hochwasser-Schutz
Intakte Flussauen sind „eine moderne Arche Noah“, so Professorin Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. Kein anderes Ökosystem in Mitteleuropa beherbergt eine vergleichbare Arten- und Lebensraumvielfalt (am Altrhein in Düsseldorf-Urdenbach haben wir kürzlich einen Eisvogel gesehen!). Und sie sind unser effektivster Hochwasserschutz, wenn gerade in Zeiten des Klimawandels die Flüsse immer wieder über die Ufer treten. Außerdem sind sie eine kostengünstige Lösung. Beispiel Vietnam: Der Erhalt von 12.000 Hektar Mangroven kostet dort 1,1 Milliarden Dollar im Jahr. Aber: 7,3 Milliarden Dollar würde allein die Instandhaltung von Deichen kosten, die auf künstlichem Wege vor Hochwasser schützen.
Am Altrhein bei Urdenbach

7. Biodiversitätsschutz = Klimaschutz = Biodiversitätsschutz
Wir alle merken an den zunehmend heißen Sommern, was Klimawandel bedeutet. Umso wichtiger ist, dass wir uns über die Bedeutung der Wälder, Meere und anderer Ökosysteme im Klaren sind.  Denn sie absorbieren jedes Jahr 60 Prozent der weltweiten Treibhausgase aus fossilen Brennstoffen. Jonathan Baillie, Vize-Präsident und Chefwissenschaftler der National Geographic Society, sagt: „Wir müssen die Biosphäre schützen, um auch das Klima zu schützen und Extremwetterereignisse abzumildern.“ Biodiversitätsschutz und Klimaschutz hängen also eng zusammen. Nur eins wird nicht funktionieren.

8. Biodiversitätsschutz ist günstig

Oft genug werden die Kosten angeführt, die der Schutz der Biodiversität verursacht. Fachleute machen eine ganz andere Rechnung auf. Zum Beispiel Tim Kasten, der kommissarische Direktor des Uno-Umweltprogramms (UNEP). Angesichts zahlloser beschädigter Ökosysteme sagt er: „Die Kosten für eine Wiederherstellung sind zehnmal höher als für deren Schutz.“

9. Vorbild / Inspiration / Problemlöser Natur
Unsere gesamte Industrie lernt von der Natur. Denn sie liefert die besten Vorbilder im Hinblick auf Material- und Energieeffizienz. Entstanden ist eine ganze Disziplin, die Bionik, die wesentliche Beiträge für nachhaltige Entwicklungen in Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft leistet. Aber überzeugende Konzepte brauchen lebendige Vorbilder. Sie brauchen, so das Bundesamt für Naturschutz, biologische Vielfalt. Ob Termitenhügel als Inspiration für energieeffiziente Gebäude, Haihaut als Vorbild für Oberfläche-material für Boote oder ein namibischer Wüstenkäfer zur Wassergewinnung in Trockengebieten – die Natur ist uns weit voraus in ihrer Genialität. Wir müssen nur genau hinsehen- und sie erhalten. 

10. Unser aller Gesundheit
Viele unserer Arzneien basieren auf natürlichen Rohstoffen. Das Forum Biodiversität Schweiz schrieb schon vor Jahren, dass „40 Prozent aller weltweit verkauften Pharmazeutika (…) von Pflanzen abstammen oder aus Pflanzen gewonnen werden“. So werden 50.000 bis 70.000 Pflanzenarten zur Herstellung unserer Medikamente benötigt – und zwar auch in Zukunft. Ich mag mir kaum vorstellen, was es heißt, wenn auch nur eine fehlen würde.

Also: Biodiversität ist sehr relevant, überlebenswichtig, letztlich unser aller Lebensversicherung. Deshalb müssen wir sie schützen und erhalten.


Julia Koebele Portrait
Julia Köbele arbeitet bei Bayer CropScience Deutschland im Bereich Nachhaltigkeit und kümmert sich dort vor allem um Projekte und Initiativen im Bereich Biodiversität. Dazu gehört u.a. die Zusammenarbeit mit Landwirten und Naturschutzorganisationen bei der Umsetzung von konkreten Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsmaßnahmen auf landwirtschaftlichen Flächen und in deren Umgebung.

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